Wer war August Merges?

Als „Robespierre der Braunschweiger Revolution“ bezeichnete ihn einmal ein Redakteur der Braunschweiger Landeszeitung.

„Seine Rachsucht“ sei vielleicht nicht so ausgeprägt und „unnatürlich“  wie die seines Kollegen aus der großen französischen Revolution, seine Schmähsucht und sein Haß gegen alles Bürgerliche“ sei  aber „zweifellos ohne Grenzen.“

Ohne Zweifel war August Merges ein Radikaler, ein Revolutionär. Sein ganzes Leben stritt  er für eine Umwälzung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

So wie August Merges vom Bürgertum und Adel, gehasst, gefürchtet aber auch wegen seiner einfachen Herkunft, seiner Kleinwüchsigkeit und seinen körperlichen Behinderungen belächelt und verspottet wurde, so sehr war er in der Braunschweiger Arbeiter_innenbewegung beliebt.

Walter Hillger, der als Jugendlicher August Merges kennenlernte, erinnerte sich:

„Man mußte staunen, was der alles brachte und hier die politische Entwicklung beurteilen konnte. Er referierte immer aus dem Handgelenk. Er hat nie ein Konzept gehabt. Schlagkräftig war der! Wenn einer einen Zwischenruf machte, dann wusste er immer gleich die Antwort drauf. Vor allem Dingen hatte er auch eine Art zu sprechen, die war nicht aufdringlich, wohl temperamentvoll … Er war ein Mensch, der eigentlich nur Sympathie  verbreitete, anders kann man das nicht sagen.“

In einem waren sich seine Gegner und Anhänger einig. Der kleine August Merges hatte eine große Klappe und eine scharfe Zunge. Merges war ein begnadeter Volksredner, der die Massen begeistern und agitieren konnte. Und diese Begabung setzte er schon in jungen Jahren für die Arbeiter_innenbewegung ein.

Geboren wurde August Merges am 3. März 1870 in der Nähe von Saarbrücken. Nach einer Schneiderlehre und einer Zeit als Wandergeselle ließ er sich 1899 in Delligsen nieder. Dort heiratete er, bekam mehrere Kinder und wurde für die SPD in den Gemeinderat gewählt.

Danach arbeitete er als Funktionär in Hildesheim und verwaltete das Gewerkschaftshaus in Alfeld. 1910 zog er nach Braunschweig, betrieb eine Schneiderei und arbeitete als Lokalredakteur für die sozialdemokratische Tageszeitung, den Volksfreund.

Als 1914 das Deutsche Reich den I. Weltkrieg begann, unterstützte die SPD entgegen ihren pazifistischen und internationalistischen Beteuerungen, den imperialistischen Krieg.

Gegen die Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten, formierte sich allerdings auch innerhalb der Partei eine Opposition.

In Braunschweig organisierte Merges einen zunächst lockeren Diskussionszirkel, den sogenannten „Revolutionsklub“. Ihm gehörten oppositionelle Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre an. Später stießen noch Jugendliche aus dem „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter“ dazu. Aus dem „Revolutionsklub“ ging im Laufe des Krieges die „Spartakusgruppe Braunschweig“ hervor, der August Merges vorstand.

August Merges organisierte die illegale Arbeit und versorgte z.B. Deserteure mit gefälschten Papieren, Geld und Unterkunft.

Immer wieder wurden Aktionen, Demonstrationen und politische Streiks gegen den Krieg durchgeführt.

Herausragendes Beispiel dafür ist der „Sparzwangsstreik“. Den jugendlichen Arbeitern sollte auf Veranlassung des Militärs nur noch ein Teil des Lohns ausgezahlt werden.

Ohne Unterstützung der Partei und der Gewerkschaften traten die Jugendlichen in den Streik. Es folgten Demonstrationen und regelrechte Straßenschlachten mit der Polizei.

Als schließlich auch die Gewerkschaften mit einem Generalstreik drohten, gab das Generalkommando klein bei und zog den Sparzwangerlass zurück.

Als Lenin in seinem Schweizer Exil von dieser erfolgreichen Aktion hörte, soll er gesagt haben: „So stelle ich mir den Kampf gegen den imperialistischen Krieg vor“.

Merges und seinen Genossen gelang es fast die gesamte Partei in Braunschweig auf Oppositionskurs zu bringen.

Als 1917 sich die SPD in einen Mehrheitsflügel (MSPD) und in die aus der Antikriegs-Opposition hervorgegangenen U(nabhängige)SPD spaltete, gingen in Braunschweig fast alle Mitglieder zur USPD.

Nachdem Anfang November 1918 in Kiel die Matrosen meuterten, brach auch in Braunschweig die Revolution aus. Am 7./8. November gingen revolutionäre Soldaten, Matrosen und Arbeiter_innen unter der Leitung der Spartakisten auf die Straßen.

Ein Arbeiterrat wurde gebildet, August Merges wurde Vorsitzender.

Am 8. November 1918 versammelten sich über 20.000 Menschen vor dem Schloss. Als Merges zur Menge sprach wurde die Rote Fahne auf der Brunonia gehisst.

Am Nachmittag marschierten Merges mit einer Abordnung des Arbeiter- und Soldatenrates zum Schloss und verlangte vom Herzog die Abdankung.

Am 10. November wurde Braunschweig zur Republik erklärt, August Merges wurde zum Präsidenten ernannt.

Lange hielt es Merges jedoch nicht in seinem Amt.

Als deutlich wurde, dass statt der erhofften sozialistischen Revolution eine bürgerlich-parlamentarische Demokratie sich durchsetzen würde, legte er alle seine Ämter nieder und setzte auf die revolutionäre Agitation der Massen.  August Merges wurde zum erklärten Gegner der parlamentarischen Demokratie. Parlamente waren für ihn nur „Quasselbuden“.

Im April 1919 riefen die Spartakisten in Braunschweig den Generalstreik aus, forderten den Rücktritt der Koalitionsregierung aus SPD und USPD und die Errichtung einer Räterepublik.

Daraufhin ließ die sozialdemokratische Reichsregierung Freikorps-Truppen in Braunschweig einmarschieren. August Merges wurde nun steckbrieflich gesucht und tauchte in Berlin unter. Dort war er kurze Zeit für die neugegründete Kommunistische Partei (KPD) tätig.

Als es 1920 zur Spaltung der KPD kam, da ein Teil der Partei für die Teilnahme an Wahlen und der Mitarbeit in den Gewerkschaften plädierte, verließ der radikale Linke Flügel, zu dem auch Merges gehörte, diese und gründete die rätekommunistische Kommunistische Arbeiterpartei (KAPD).

1920 reiste Merges zusammen mit Otto Rühle zum Kongress der  3. Internationalen nach Moskau, um über den Beitritt der KAPD zur verhandeln.

Dort traf er u.a. mit Lenin zusammen. Merges und Rühle reisten noch vor Beginn des Kongresses ab, da sie Aufnahmebedingungen und den zentralistischen Aufbau der Internationalen ablehnten.

Zurück in Deutschland zeigte sich Merges enttäuscht von der sozialen und politischen Realität in der Sowjetunion und äußerte:

„Rußland ist zwar das Land, das als erstes die soziale Revolution durchgeführt hat, es wird aber das letzte Land sein, das den Sozialismus durchführt“.

Nach dem späteren Beitritt der KAPD zur 3. Internationalen verließ Merges die Partei und näherte sich der anarchosyndikalistischen „Freien Arbeiter-Union“ (FAU) an, in deren Veranstaltungen er als Redner auftrat.

Auch in der Roten Hilfe war er aktiv und beteiligte sich z.B. an der Kampagne zur Freilassung von Max Hölz.

1926 gründete Merges zusammen mit dem aus der KPD wegen „Linksabweichung“ ausgeschlossenen Iwan Katz und dem Herausgeber der Zeitschrift „Die Aktion“, Franz Pfemfert, den „Spartakusbund linkskommunistischer Organisationen“, ein Zusammenschluss verschiedener rätekommunistischer und syndikalistische Gruppierungen.

Nach der Machtübergabe an die Faschisten beteiligte sich Merges an einer Widerstandsgruppe, die 1934 verschiedene antifaschistische Broschüren illegal herstellte und verbreitete .

Im Dezember 1934 wurden vier Mitglieder der Gruppe von der Polizei verhaftet. Im April 1935 folgten 16 weitere, darunter auch August Merges.

Bei den Verhören wurde Merges von der Gestapo schwer misshandelt, sein Becken wurde gebrochen. Die Behandlung der Wunden wurde verboten, so dass er nicht mehr gehen konnte und starke Schmerzen hatte.

Merges wurde wegen „Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und 1937 wegen Haftunfähigkeit vorzeitig entlassen.

Obwohl er nicht mehr gehen konnte und die meiste Zeit liegend verbringen musste, wurde er in Braunschweig sofort von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen.

Durch Eingaben beim Volksgerichtshof erreichte sein Sohn, dass er unter Auflagen (er durfte das Haus nicht verlassen, keinen Besuch empfangen und sich nicht am Fenster zeigen) wieder freigelassen wurde. Wiederholt wurde er von der Gestapo abgeholt und für kurze Zeit inhaftiert.

1944 brachte ihn sein Sohn heimlich in sein Gartenhaus, wo er die letzten beiden Jahre seines Lebens verbrachte.

Dort hoffte er sehnlich den abzusehenden Zusammenbruch des Faschismus und die Befreiung durch die Alliierten noch mitzuerleben.

Doch am 6. März 1945 starb er an den Folgen einer Knochentuberkulose, an der er seit seinen Misshandlungen durch die Gestapo gelitten hatte.

August Merges war ohne Zweifel ein bedeutende Persönlichkeit der Braunschweiger Arbeiter_innenbewegung, der  bis zuletzt ist er seinen Überzeugungen treu geblieben ist.

Der Text ist eine Rede, die ich am 4. Juli 2008 im Rahmen der Gedenkveranstaltung an die von den Nazis in Rieseberg ermordeten Gewerkschaftern und Kommunisten am Grab von August Merges auf dem Hauptfriedhof gehalten habe.

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