Kindheit und Jugend (1870-1899)

Geboren wurde Ernst August Merges am 3. März 1870 im kleinen Städtchen Malstatt-Burbach im Saarland.1 Seine Eltern stammten ursprünglich aus dem deutsch-schweizerischen Grenzgebiet. Sein Vater, Nikolaus Merges, war Fleischermeister und Autor eines Lehrbuchs der Wurst- und Fleischwarenfabrikation und eines Handbuchs für Fleischergesellen.

Es waren unruhige Zeiten in denen August geboren wurde: Am 19. Juli 1870 erklärte der französische Kaiser Napoleon dem Königreich Preußen den Krieg. Im August beschossen französische Truppen Malstatt und Burbach. Viele Bewohner*innen flohen.

Anna, die Mutter von August Merges, starb kurz nach seiner Geburt,2 sein Vater wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Der kleine August kam zu Verwandten in Pflege. Dort brach bei ihm die Rachitis aus. Merges machte später später die mangelnde Fürsorge seiner Pflegeeltern dafür verantwortlich.3

Die Folge der Rachitis war, dass Merges kleinwüchsig blieb, er wurde gerade mal 1,47 cm groß. Sein krummer Buckel und ein lahmes Bein taten das übrige, um ihn schon von klein an zur Zielscheibe von Gespött und Hänseleien seiner Mitmenschen zu machen: „Krummer August“, „buckliges Männlein“, so schallte es ihm immer wieder entgegen.

Vielleicht, weil er so klein war, dass er fast zu übersehen war und nicht die körperliche Kraft und Stärke hatte sich körperlich zu wehren, lernte er sich auf seine anderen Stärken zu verlassen: seinen wachen Geist und seine Fähigkeit mit Worten andere Menschen mitzureißen und zu begeistern. Sein Witz und seine große Klappe waren Fähigkeiten, die ihn bald zu einem – von einen geliebten von den anderen gehassten – Redner und Agitator der Arbeiter*innenbewegung werden ließ.

Doch zunächst besuchte August im Alter von sechs Jahren die Volksschule in Idar-Oberstein. Später zog die Familie Merges nach Melle in der damaligen preußischen Provinz Hannover.

Der größte Wunsch von August war es, eine höhere Schule zu besuchen und sich weiterzubilden. Doch dafür fehlte das nötige Geld.4 Und so schickte ihn sein Vater mit 14, im Jahre 1884, in eine Schneiderlehre nach Bremen.5

Der Wunsch nach Wissen und Bildung blieb jedoch bestehen: „Trotzdem ich mich dem Berufe mit allem Fleiß widmete, so benutzte ich doch jede freie Stunde um meine Kenntnisse durch lesen wissenschaftlicher u. politischer Bücher zu bereichern, wodurch ich dann auch überzeugter Sozialdemokrat wurde.“6

Seine Lehre beendete er 1886. Damals trat er bereits als Redner für die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie auf und zog sich deshalb erste „Maßregelungen“ zu.7 Unter dem Sozialistengesetz, das 1878 als „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ in Kraft trat und bis 1890 jede sozialistische und sozialdemokratische Organisation und deren Aktivität im deutschen Reich außerhalb des Reichstags und der Landtage unter Verbot stellte, wurde auch August Merges verfolgt und zeitweise eingesperrt.8

Nach der Lehre besuchte Merges die Zuschneideakademie in Berlin, um sich in seinem Beruf weiterzubilden. Merges befürchtete jedoch, dass seine Gesundheit in „absehbarer Zeit gänzlich untergraben“ werde, wenn er weiter als Schneider arbeiten müsse.9

Da ihm die Mittel für eine weiterführende Schule jedoch fehlten, wandte sich Merges schriftlich an Georg von Vollmar, Reichtagsabgeordneter und Vorsitzender der bayrischen Sozialdemokratie. Er wünsche sich, so schrieb der 21-Jährige „wissenschaftlich Auszubilden, um späterhin der sozialistischen Sache ganz u. gar dienen zu können.“10 Es seien bei ihm „Talente u. schon gute Vorkenntnisse auf fast allen Wissensgebieten vorhanden“.11 Im Nachlass von Georg v. Vollmar ist keine Antwort auf den Bittbrief von Merges vorhanden. Vermutlich war Georg von Vollmar nicht bereit ihn finanziell zu unterstützen, denn August blieb vorerst bei seinen Nadeln, Faden und Stoffen. Er absolvierte in Bremen seine Gesellenzeit und ging danach, wie es damals Brauch war, auf Wanderschaft.12

Fussnoten:

  1. In der bisherigen Literatur gibt es die unterschiedlichsten biographischen Angaben zum Geburtsort, so gibt Peter Berger (Berger, Peter: Brunonia mit rotem Halstuch. Novemberrevolution 1918/19, Hannover 1979) Mahrstedt an. Auch bei der Herzoglichen Polizei in Braunschweig waren jahrelang falsche Daten von August Merges registriert, so wird in den Akten z.B. als Geburtsort Stralsund und als Geburtsjahr 1868 angeführt. Die in diesem Kapitel angegebenen Lebensdaten folgen weitgehend den Angaben von Alfred Merges aus dem Jahre 1958 in: Bundesarchiv BA SgY30 EA 0623, den biographischen Daten in: Staatsarchiv Wolfenbüttel StA WF 27 Slg Nr. 1422 und der Internetdatebank BISOP-Online (Biographien sozialdemokratischer Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933, http://biosop.zhsf.ufni-koeln.de)
  2. geb. Schneider
  3. Brief von August Merges vom 2.2.1891 an Georg von Vollmar; Institut vor Social History Amsterdam (IISH), Georg von Vollmar Papers Nr. 1419a. Nach Bein (Bein, Reinhard: Braunschweig. Stadt und Herzogtum, Braunschweig 1985, S. 239) hätten die Ärzte bereits bei seiner Geburt körperlicher Mängel festgestellt und ihm ein kurzes Leben prophezeit. Bein nennt dafür aber keine Quelle.
  4. Brief von August Merges vom 2.2.1891 an Georg von Vollmar; Georg von Vollmar Papers Papers Nr. 1419a Institut vor Social History Amsterdam (IISH). Unklar ist, wenn er in dem Brief mit „meine Eltern“ meint. Seinen Vater, der nach dem Tod von August Mutter eventuell eine neue Frau geheiratet hatte oder seine Pflegefamilie.
  5. ebd. Das Handbuch der verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung (Weimar 1919, S. 218) gibt an, Merges habe in Barmen das Schneiderhandwerk erlernt. Sein Sohn Alfred gibt an, sein Vater habe das Schneiderhandwerk in Melle erlernt.
  6. ebd. 
  7. ebd. 
  8. Erinnerungen Alfred Merges, 25.09.1958; in: BA SgY30 EA 0623
  9. Brief von August Merges vom 2.2.1891 an Georg von Vollmar; Georg von Vollmar Papers Papers Nr. 1419a Institut vor Social History Amsterdam (IISH)
  10. ebd.
  11. ebd. 
  12. Bein, Reinhard: Braunschweig. Stadt und Herzogtum, Braunschweig 1985, S. 239

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